Nachgedacht

Foto – Copyright: Hillbricht

Liebe Interessierte,

welche Bilder werden in Ihnen wach, wenn sie den Monatsspruch lesen: Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist!?

Mir fallen sofort die angeordneten Masseninszenierungen in Russland ein, wo Putin uneingeschränkten Beifall für den Angriffskrieg auf die Ukraine erhält, oder die Wahlveranstaltungen in den USA, wo vor allem die Anhänger Trumps lautstark ihre Gewaltbereitschaft zum Ausdruck bringen. Manches davon erinnert an den Sturm auf das Kapitol vom 6. Januar 2021, den Tiefpunkt der amerikanischen Demokratie. Aber ich denke auch an die Aufmärsche von Islamisten auf Deutschlands Straßen, die lautstark für ein Kalifat und gegen den deutschen Rechtsstaat demonstrieren.

Und ich denke an unsere unsägliche deutsche Vergangenheit, wo wir Deutschen vor über 90 Jahren (31. Juli 1932) mehrheitlich Hitler gewählt haben und später dem „totalen Krieg“ begeistert zujubelten. Es war auch eine Mehrheit, die am Sinai das Goldene Kalb bejubelt hat. Mose stand als Einzelner dagegen. Es war ebenfalls eine Mehrheit, die von Pilatus die Kreuzigung Jesu gefordert hat. Für Jesus erhob keiner mehr seine Stimme.

Mit der Mehrheit in der Masse mitzuschwimmen, erzeugt ein gutes Gefühl, ist zugleich aber auch brandgefährlich.

Mich begeistern unsere deutschen Liedermacher, die es mit ihren Texten immer wieder schaffen, die Dinge auf den Punkt zu bringen. So hat Reinhard Mey auf seinem fünften deutschen Studioalbum von 1972 „Mein achtel Lorbeerblatt“ das Lied „Bevor ich mit den Wölfen heule“ veröffentlicht. Wo es unter anderem heißt:

„Ich laufe nicht mit dem Rudel,
Ich schwimme nicht mit im Strudel,
Ich hab‘ noch nie auf Befehl gebellt.
Ich lasse mir nichts verhunzen,
Ich will nach Belieben grunzen,
Im Alleingang, wie es mir gefällt!
Ich will in keinem Haufen raufen,
Lass mich mit keinem Verein ein!

Rechnet nicht mit mir beim Fahnenschwenken,
Ganz gleich, welcher Farbe sie auch seien.
Ich bin noch imstand‘, allein zu denken,
Und verkneif‘ mir das Parolenschrei’n.
Und mir fehlt, um öde Phrasen,
Abgedroschen, aufgeblasen,
Nachzubeten jede Spur von Lust.
Und es passt, was ich mir denke,
Auch wenn ich mich sehr beschränke,
Nicht auf einen Knopf an meiner Brust!
Ich will in keinem Haufen raufen,
Lass mich mit keinem Verein ein!“

Nun ist das mit den heutigen Mehrheiten so eine Sache, wenn wir dabei an die Massendemonstrationen gegen rechts denken, die vom 12. Januar an in allen deutschen Städten zu beobachten waren. Bis Ende Februar haben rund vier Millionen Menschen gegen rechts demonstriert. Aber ist das wirklich die Mehrheit der Deutschen?

1972, als Reinhard Mey sein Lied veröffentlichte, gab es weder Internet noch soziale Medien. Da wurde noch offen und kontrovers miteinander auf Augenhöhe diskutiert. Man konnte andere Meinungen stehen lassen und blieb dennoch beieinander.

Spätestens seit der Corona-Pandemie hat sich das Klima deutlich verschlechtert. Man redet nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander. Wer andere Positionen vertritt, wird mit Hasstriaden belegt, muss mit Mobbing und schlimmstenfalls sogar mit Drohungen rechnen. Nicht wenige sind mittlerweile verstummt und vertreten ihre Positionen nicht mehr öffentlich. Das Klima ist rauer geworden – sowohl in unserer Gesellschaft als auch in den christlichen Gemeinden.

Wer sich z.B. als Politiker für Migranten einsetzt, muss medial mindestens mit einem „Shitstorm“ rechnen, unter Umständen mit Drohungen und manchmal sogar mit persönlichen Übergriffen. Heute wird Meinung vor allen Dingen in den sozialen Medien gemacht und per TikTok mit schönen Videos jugendgerecht aufbereitet. Islamisten und auch Politiker der AfD beherrschen das Aufbereiten ihrer abstrusen Ideen auf TikTok geradezu perfekt und ziehen so Tausende in ihren Bann.

Wozu fordert uns dieses Gebot heraus und wie können wir es umsetzen?

Zum einen sollten wir sicherlich den Mut haben, zu unserer Meinung zu stehen, auch wenn sie nicht mehrheitsfähig ist. Zum Beispiel beim Thema „Gendern“ stehen sich Befürworter und Gegner gegenüber. Dennoch kann man versuchen, miteinander das Gespräch zu suchen und es lernen, sich gegenseitig mit den unterschiedlichsten Positionen auszuhalten. Über den „Genderstern“ kann man da sicherlich noch gemeinsam schmunzeln. Anders sieht es aus, wenn Verschwörungstheorien und Fakenews verbreitet werden, denen man eher vertraut als seriösen Nachrichtensendungen, ja, diese sogar als Lügenpresse diffamiert. Wer sich nur noch in der Blase der sozialen Medien bewegt und seine Informationen nur von diesen Plattformen bezieht, scheint leider oft geradezu immun gegen andere Meinungen zu sein. Da braucht es Mut, Nein zu sagen und sachlich und liebevoll eine andere Position zu vertreten.

In der Lutherbibel sind die ersten Verse des 23. Kapitels überschrieben: „Gebote der Gerechtigkeit und Nächstenliebe“. So geht es vor allem darum, den Mund für die Schwachen und seine Stimme für die zu Unrecht angeklagten, zu erheben.

Ihr / Euer Siegfried Ochs