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Liebe Interessierte,
um diese Aussage zu verstehen, ist es hilfreich, die gesellschaftliche Situation, in der Amos lebte und arbeitete, zu beleuchten. Amos war ein Viehhirte aus dem kleinen Ort Thekoa in Juda. Er lag zwischen Bethlehem und Hebron oberhalb des Toten Meeres. Amos wurde von Gott persönlich zum Propheten berufen, nicht, weil er für diesen Dienst besonders befähigt war, sondern weil er durch Gott befähigt wurde.
In Juda (Südreich) herrschte König Usia 767 – 740 v. Chr. „Er tat, was recht war in den Augen des HERRN.“ (2. Chr. 26, 4). In Israel (Nordreich) herrschte König Jerobeam II. 793 – 753 v. Chr. „Jerobeam tat was böse war in den Augen des HERRN.“ (2. Kön. 14, 24)
Amos wechselte von Juda nach Israel und begann seine prophetischen Predigten in Beth-El, dem kultischen Zentrum Israels in dieser Zeit. In Beth-El wurde ein goldenes Stierbild angebetet, das unter Jerobeam I. errichtet wurde. Amazja war der für den Stierkult verantwortliche Priester.
Israel und Juda erlebten eine wirtschaftliche Blüte. Im Land herrschte Frieden und politische Stabilität. Man genoss das Leben mit Essen, Trinken, Musik und Sex. Die Menschen in den Städten lebten im Luxus, die Schwachen kamen zu kurz. Das Recht wurde durch bestechliche Richter gebeugt, und auf unliebsame Zeugen wurde Druck ausgeübt.
Die sittlichen Maßstäbe galten nicht mehr. Das soziale Miteinander war geprägt von Korruption und Habgier. Aber Gott ließ sich durch den Kult Israels nicht täuschen.
Als Amos in Beth-El unerschrocken auf diese Missstände hinweist, erregt er den Zorn des dortigen Priesters Amazja mit seiner Prophezeiung. Amazja verleumdete Amos beim König:
„Amos betreibt eine Verschwörung gegen dich mitten im Haus Israel. Das Land kann alle seine Worte nicht ertragen. Denn so spricht Amos: Durch das Schwert wird Jerobeam sterben, und Israel wird ganz bestimmt aus seinem Land gefangen wegziehen.“ Amos 7, 10 – 11
Amazja sagte zu Amos: „Seher, geh, flieh schnell in das Land Juda! Iss dort dein Brot und dort magst du weissagen; denn das Heiligtum des Königs ist hier, und hier ist der Tempel des Königreiches.“ Amos 7,12 – 13
Die Folge für Amos war die Ausweisung durch König Jerobeam.
Hätte Amos mitten im wirtschaftlichen Wohlstand nicht einfach den Mund halten können? Der Mehrzahl der Bevölkerung ging es gut, und sie waren zufrieden. Aber der wirtschaftliche Aufschwung war nur die glänzende Fassade. Die prophetische Predigt des Amos wies auf den inneren Verfall der Gesellschaft hin und rückte die göttliche Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. Der immer noch beeindruckende Tempelkult zu Ehren des goldenen Stierbildes widerte Gott an.
„Ich hasse, ich verwerfe eure Feste, und eure Festversammlungen kann ich nicht mehr riechen. – Halte den Lärm (das Geplärr) deiner Lieder von mir fern! Und das Spiel deiner Harfen will ich nicht hören.“ Amos 5, 21 + 23
In diese schnörkellose und wuchtige Ablehnung des von Menschen gemachten Tempelkultes sagt Gott, was er will:
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Amos 5, 24
Gott wirbt darum, dass Israel den Weg, der in das Verderben führt, aufgibt. Auch über die Nachbarvölker Israels verkündet Amos das Gericht Gottes: Damaskus – Gaza – Tyrus – Edom – Ammon – Moab
Bei Juda und Israel geht es jedoch um Gottes Ehre, die durch die kultischen Verfehlungen und menschlichen Verbrechen am eigenen Volk in den Dreck gezogen wird.
„Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde ich an euch alle eure Sünden heimsuchen.“ Amos 3, 2
Immer wieder ruft Amos im Auftrag Gottes zur Umkehr auf. In Amos 4 werden fünfmal detailliert die Auswirkungen der kommenden Gerichte beschrieben. Fünfmal schließt er mit dem resignierten Satz:
„Und doch seid ihr nicht zu mir umgekehrt, spricht der HERR.“ Amos 4, 6 und 8 – 11
Gott will segnen, und mit beeindruckendem Ernst und klaren Worten wirbt Gott um sein Volk, ruft zur Umkehr und zum Neuanfang.
Alles Werben Gottes fand kein Gehör. Der Schluss dieser Gerichtsankündigungen mündet in der unmissverständlichen Aussage, dass diese Gerichte vollzogen werden.
„Darum werde ich dir so tun, Israel. Weil ich dir das so tun will, mache dich bereit, deinem Gott zu begegnen, Israel.“ Amos 4, 12
Um ca. 700 v. Chr. hört das Nordreich Israel auf zu existieren. Die Eliten Israels geraten unter furchtbaren Bedingungen in Gefangenschaft oder werden getötet.
Um ca. 600 v. Chr. wird Juda (Südreich) durch Nebukadnezar II. erobert, der Tempel in Jerusalem zerstört, die Mauern geschleift und die Bewohner nach Babylon verschleppt.

Ihr / Euer Werner Schultz